• Katharina Raiber

Wie das Pferd sieht

Aktualisiert: 8. Feb 2019

Warum sind Pferde bei Wind "guckig"? Warum gehen sie nicht gern in dunkle Stallgassen? Und warum haben sie auf dem Rückweg vom Ausritt Angst vor der Parkbank, obwohl sie auf dem Hinweg schon daran vorbei gekommen sind?


Diese und ähnliche Fragen hat sich wahrscheinlich jeder Pferdebesitzer schon einmal gestellt. Oder es ist ihm zumindest aufgefallen, dass die meisten Pferde so reagieren. Den Grund für dieses Verhalten findet man in der Sichtweise der Pferde.


Pferde verfügen über ein annähernd 360 Grad umfassendes Gesichtsfeld. Nur hinter sich und direkt vor der Stirn hat das Pferd einen "Blind Spot". Mit einer leichten Bewegung des Kopfes können sie ihre gesamte Umgebung überblicken, was in freier Wildbahn zum Schutz vor Feinden sehr wichtig ist. Im Gegensatz zu uns Menschen können sie jedoch nur in einem kleinen Bereich räumlich sehen.


Die Augen des Pferdes liegen weit auseinander und es kann zu beiden Seiten hin sehen (monokulares Sehen). Aber nur dort, wo sich die Sichtfelder beider Augen überlappen, kann das Pferd räumlich sehen (binokulares Sehen). Um Distanzen einschätzen zu können, muss das Pferd sie also gleichzeitig mit beiden Augen sehen können.


Das ist der Grund, weshalb Pferde den Kopf heben müssen, um etwas in der Ferne sehen zu können. Beim Grasen ist der Blick auf den Boden gerichtet, die Umgebung wird jedoch mit dem monokularen Sehen überwacht. Erregt etwas die Aufmerksamkeit des Pferdes, hebt es seinen Kopf. Dies ist auf der Weide sehr schön zu beobachten.


Übertragen auf die Reiterei wird nun auch verständlich, warum der Reiter, wenn er einen Sprung anreitet, seinem Pferd die Möglichkeit geben muss, den Kopf zu heben. Es kann die Distanz sonst nicht einschätzen. Er darf es nicht durch einen zu kurzen Zügel daran hindern. Umgekehrt ist die Sicht des Pferdes sehr eingeschränkt, wenn es in Beizäumung geritten wird.

Pferde, die beim Ausreiten die Möglichkeit bekommen, am langen Zügel ihre Umwelt wahrzunehmen, sind viel entspannter als Pferde, die im Gelände am Zügel gehen müssen. Am langen Zügel kann es nach links und rechts schauen und seine Umgebung mit beiden Augen sehen.


Bedingt durch die monokulare Sichtweise der Pferde verläuft auch die visuelle Reizverarbeitung anders als beim Menschen. Der Sehnerv kreuzt sich beim Pferd im Chiasma Opticum und verläuft zu etwa 85% in die gegenüberliegende Gehirnhälfte. Hinzu kommt, dass die Kommunikation zwischen den Gehirnhälften über den Balken beim Pferd langsamer verläuft als beim Menschen.


Pferde haben außerdem ein Sicherheits- und ein Fluchtauge. Bei etwa 95% der Pferde ist das linke Auge das Sicherheitsauge. Damit schaut es sich Dinge genau an. Durch die Sehnervüberkreuzung werden die Bilder zu 85% in der rechten Gehirnhälfte gespeichert. Weil das Pferd viele Dinge mit dem linken Auge anschaut, verfügt es in der rechten Gehirnhälfte über eine große Datenbank an Bildern. Mit dem rechten Auge dagegen überwacht es währenddessen seinen Fluchtweg, um jederzeit fluchtbereit zu sein. Zurück zu unserem Beispiel mit der Parkbank: Kommt das Pferd nun beim Ausreiten an besagter Parkbank vorbei und schaut es diese mit dem linken Sicherheitsauge an, wird das Bild der Parkbank mit der Datenbank in der rechten Gehirnhälfte abgeglichen und als ungefährlich eingestuft. Auf dem Rückweg befindet sich die Parkbank nun auf der anderen Seite. Sieht das Pferd diese nun zuerst mit dem rechten Auge, ist das Bild in der linken Gehirnhälfte nur verschwommen (sozusagen zu 15%) vorhanden und das Pferd kann die Bewertung des Bildes nur schwer vornehmen. Es ist also unsicher, wie es die Situation einschätzen soll.


Wichtig zu wissen ist, dass Pferde nur über zwei Arten von Zapfen verfügen, ihnen fehlt im Gegensatz zu uns Menschen der Zapfen, der rotes Licht absorbiert. Die Farben gelb und blau stechen deshalb besonders hervor, die restliche Welt sehen Pferde vermutlich in Graustufen. Dieses Farbsehen machen wir uns für unsere Arbeit in der Dualaktivierung zunutze. Indem wir mit den Farbreizen arbeiten, aktivieren wir beide Gehirnhälften des Pferdes und sorgen dafür, dass ein größerer Austausch zwischen den Hirnhälften stattfindet. Für das Pferd wird es leichter Eindrücke und Emotionen zu verarbeiten und dies ist der Weg zu einem zuverlässigen Partner an unserer Seite.


Im Dunkeln sehen Pferde übrigens besser als Menschen, da sie bessere Restlichtverstärker haben. Das einfallende Licht wird innerhalb der Netzhaut noch einmal reflektiert. Jedoch können sie ihre Augen nicht sehr schnell an Dunkelheit anpassen, darum gehen sie manchmal nicht gern in ein dunkles Gebäude, wenn sie grad aus der Sonne kommen.


Und wie ist das nun bei Wind? Pferde können Dinge, die sich bewegen, leicht entdecken. Ihre Augen sind groß genug und die Bewertung der Bilder erfolgt wesentlich schneller als beim Menschen. Auch das hat seinen Ursprung in früheren Zeiten als die Pferde in freier Wildbahn noch darauf angewiesen waren kleinste Bewegungen wahrzunehmen, um vor Fressfeinden zu flüchten. An windigen Tagen gibt es so viele Dinge, die sich bewegen, sodass Pferde schnell unsicher werden. Pferde, die in der Dualaktivierung gearbeitet werden, können Eindrücke jedoch schneller verarbeiten und bleiben meistens gelassener!



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